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Diversität willkommen heißen im naturwissenschaftlichen Unterricht1

Das Habilitationsprojekt von Dr. Simone Abels

 

In Kooperation mit der Inklusiven Wiener Mittelschule Lernwerkstatt Donaustadt soll herausgefunden werden, welche Lernumgebungen besonders geeignet sind, um erfolgreich mit heterogenen Lernvoraussetzungen von SchülerInnen im naturwissenschaftlichen Unterricht der Sekundarstufe I umzugehen. Die Ergebnisse sollen anderen Schulen helfen, die bisher noch keine oder wenig Erfahrung im Umgang mit Diversität haben, deren SchülerInnen aber zunehmend heterogenere Lernvoraussetzungen aufweisen.

Alle Schulen sind laut der jeweiligen Lehrpläne und im Rahmen der SQA bzw. QIBB explizit dazu aufgefordert, sich den Herausforderungen bezüglich Gleichstellung und Chancengleichheit vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu stellen.

Das Projekt ist vom Stadtschulrat Wien genehmigt.

 

Theoretische Ausgangslage – Herausforderungen im naturwissenschaftlichen Unterricht

Alle SchülerInnen sollten einen uneingeschränkten Zugang zu Bildung haben und zwar unabhängig vom Migrationshintergrund, sozialen Hintergrund oder einer Behinderung. In der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung, die von Österreich am 26.09.2008 ratifiziert wurde (http://www.un.org/disabilities/countries), wird in Artikel 24, Absatz 1, festgehalten: „States Parties shall ensure an inclusive education system at all levels and lifelong learning” (United Nations, 2006, S. 16). Die Initiative Inklusion Österreich (2010) fordert entsprechend die Umsetzung der inklusiven Schule. SchülerInnen sollen in ihrem Alltag den respektvollen und konstruktiven Umgang mit Verschiedenheit lernen, damit eine demokratische (Lern-)Kultur möglich ist. Aktive Aushandlungsprozesse, selbstständiges Urteilen und Handeln zu ermöglichen, ist dabei Aufgabe in jedem Fachunterricht (Lembens & Rehm, 2010). Entsprechende Lernumgebungen und Unterstützung müssen also auch im naturwissenschaftlichen Unterricht angeboten werden, damit jedes Kind, gleich welchen Leistungsstandes, bestmöglich gefördert wird. Jede/r soll die Chance haben, eine naturwissenschaftliche Grundbildung zu erwerben, die in unserer modernen und technologischen Welt notwendig ist, um an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen als mündiger Bürger bzw. mündige Bürgerin zu partizipieren (OECD, 2007). Insbesondere die Unterschiedlichkeit der individuellen Lernvoraussetzungen der SchülerInnen und den produktiven Umgang damit im Fachunterricht sehen viele LehrerInnen als Herausforderung und oft auch Erschwernis des Berufs (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften Kiel & Humboldt-Universität Berlin, 1997). Viele LehrerInnen an Regelschulen empfinden außerdem laut österreichischem Bildungs­bericht, dass „die Heterogenität der Schüler/innen in den Klassen immer größer würde“ (Altrichter, Trautmann, Wischer, Sommerauer & Doppler, 2009, S. 341). Die Zahlen aus dem aktuellen Bildungsbericht zeigen, dass der Einsatz individualisierender und differenzierender Maßnahmen steigt, aber hier noch Entwicklungsbedarf besteht (Bruneforth & Lassnigg, 2012). Der Umgang mit Unterschiedlichkeit bzw. Diversität2 ist eine der größten Herausforderungen in europäischen Schulen. Insbesondere ab der Sekundarstufe I gibt es großen Handlungsbedarf (Meijer, 2010).

 

Ziel des Forschungsprojekts

Um LehrerInnen in dieser Hinsicht Unterstützung anzubieten, ist das Forschungsprojekt von Simone Abels als explorative Studie angelegt. Das Ziel ist, Lernumgebungen zu beobachten und zu beschreiben, in denen die Diversität der SchülerInnen willkommen geheißen wird und mehr als Gewinn denn als Problem betrachtet wird. Es sollen Gelingensbedingungen und „next practice“ Beispiele herausgearbeitet werden, die anderen LehrerInnen und auch bildungspolitisch Orientierung bieten bei der Gestaltung des Unterrichts in heterogenen Schulklassen.

 

Forschungsdesign

Folgende Fragen sind im Projekt handlungsleitend:

1.  Was sind die individuellen Lernvoraussetzungen der SchülerInnen im Naturwissenschafts- bzw. im Chemieunterricht? (Es wird auf fachliche, methodische, soziale und personale Kompetenzen geachtet.)

2. Wie sind die Lernumgebungen und die Unterrichtspraxis gestaltet? Wie sieht das LehrerInnenhandeln aus? In welche Schulkultur ist das Lernen und Lehren eingebettet?

3.   Welche Lernumgebungen eignen sich, um die Diversität der Klasse willkommen zu heißen?

 

Das Forschungsdesign stützt sich vorrangig auf qualitative Forschungsmethoden. Das heißt, es werden vor allem Beobachtungen mittels Videoaufnahmen durchgeführt und Interviews geführt. Um die Beobachtungen zu strukturieren, wird das Reformed Teaching Observation Protocol (RTOP) verwendet (Piburn & Sawada, 2000). Dabei soll der bestehende Ablauf in den Klassen so wenig wie möglich beeinflusst werden und so wenige Ressourcen wie möglich der beteiligten LehrerInnen beansprucht werden. Die Forscherin hat sich dem Datengeheimnis verpflichtet.

 

Rahmenbedingungen

Da Simone Abels Sonderpädagogin ist, in Chemiedidaktik promoviert hat und nun an dieser Schnittstelle am Österreichischen Kompetenzzentrum für Didaktik der Chemie der Universität Wien habilitieren möchte, liegt der Fokus des Projekts auf Naturwissenschafts- bzw. Chemieunterricht der Sekundarstufe I und auf Formaten wie z.B. Lernwerkstatt.

Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt und hat mit Beginn des Schuljahres 2013/2014 begonnen.

Es ist geplant, mit weiteren Lehrerinnen bzw. Lehrern zusammenzuarbeiten und eine oder maximal zwei Klassen pro Schule zu begleiten. Wenn Sie als LehrerIn Interesse haben, am Forschungsprojekt mitzuarbeiten, schreiben Sie gern eine E-Mail an simone.abels@univie.ac.at. 

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1 Veröffentlicht in Abels, S., Kern, G., Koliander, B., Lautner, G., Lembens, A. & Steininger, R. (2013). Forschungsprojekte am AECC Chemie. PlusLucis, 1-2/2013, 50-52.

2 Der Begriff der Diversität wird hier bevorzugt verwendet, da er im Gegensatz zu Heterogenität eine Vielfalt willkommen heißende und Vielfalt als Gewinn betrachtende Sichtweise impliziert (Sliwka, 2010). Diversität meint dabei folgende Dimensionen: Ethnizität, soziale Herkunft, Alter, Religion, Gender, sexuelle Orientierung, Rolle in der Gruppe sowie geistige und körperliche Fähigkeiten. Diese Dimensionen können wiederum Motivation, kognitive und sprachliche Leistungen, Interesse, Vorwissen, Lernstil etc. beeinflussen (Bohl, Bönsch, Trautmann & Wischer, 2012). Jede Dimension kann in jedem Fach präsent sein und beeinflusst den Umgang von LehrerInnen mit SchülerInnen bzw. SchülerInnen untereinander.

 

Literatur

Altrichter, H., Trautmann, M., Wischer, B., Sommerauer, S. & Doppler, B. (2009). Unterrichten in heterogenen Gruppen: Das Qualitätspotenzial von Individualisierung, Differenzierung und Klassenschülerzahl. In W. Specht (Ed.), Nationaler Bildungsbericht Österreich 2009. Band 2: Fokussierte Analysen bildungspolitischer Schwerpunktthemen. Graz: Leykam.

Bohl, T., Bönsch, M., Trautmann, M. & Wischer, B. (2012). Binnendifferenzierung. Teil 1: Didaktische Grundlagen und Forschungsergebnisse zur Binnendifferenzierung im Unterricht (Vol. 17). Immenhausen: Prolog.

Bruneforth, M. & Lassnigg, L. (2012). Nationaler Bildungsbericht Österreich 2012. Band 1. Das Schulsystem im Spiegel von Daten und Indikatoren. Graz: Leykam.

Initiative Inklusion Österreich [Initiative Inclusion Austria]. (2010). Inklusive Bildung. Gesetzlich verankern – Qualität sichern – weiterentwickeln. Retrieved 20/02/2012, from http://www.betrifftintegration.at/files/Manifest_Oesterreich.pdf

Krell, G., Riedmüller, B., Sieben, B. & Vinz, D. (2007). Einleitung - Diversity Studies als integrierende Forschungsrichtung. In G. Krell, B. Riedmüller, B. Sieben & D. Vinz (Eds.), Diversity Studies. Grundlagen und disziplinäre Ansätze. Frankfurt a. M., New York: Campus.

Lembens, A. & Rehm, M. (2010). Chemie und Demokratielernen – zwei unvereinbare Welten? In H. Ammerer, R. Krammer & U. Tanzer (Eds.), Politisches Lernen: Der Beitrag der Unterrichtsfächer zur politischen Bildung (Vol. 5, pp. 281-302). Innsbruck: Studienverlag.

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin, Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften Kiel & Humboldt-Universität Berlin. (1997). TIMSS. Mathematischnaturwissenschaftlicher Unterricht im internationalen Vergleich. Zusammenfassung deskriptiver Ergebnisse. Retrieved 09.01.2012, from http://www.uni-kassel.de/fb19/chemdid/WIEN_2011/TIMSSII-Broschuere.pdf

Meijer, C. J. W. (2010). Special Needs Education in Europe: Inclusive Policies and Practices. Zeitschrift für Inklusion(2).

OECD. (2007). PISA 2006. Naturwissenschaftliche Kompetenzen für die Welt von Morgen. Kurzzusammenfassung. from http://www.oecd.org/dataoecd/18/35/39715718.pdf

Piburn, M. & Sawada, D. (2000). Reformed Teaching Observation Protocol (RTOP): Reference Manual. ACEPT Technical Report No. IN00-3.Retrieved 28.03.2013, from http://www.public.asu.edu/~anton1/AssessArticles/Assessments/Chemistry%20Assessments/RTOP%20Reference%20Manual.pdf

Sliwka, A. (2010). From homogeneity to diversity in German education. In OECD (Ed.), Educating Teachers for Diversity: Meeting the Challenge (pp. 205-217): OECD Publishing.

United Nations. (2006). Convention on the Rights of Persons with Disabilities. Retrieved 21/02/2012, from http://www.un.org/disabilities/documents/convention/convoptprot-e.pdf

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